Mittwoch, 21. September 2011

"Leben ohne Sucht - Die zweite Chance" Artikel im Liborius Magazin vom 18.09.2011


"Geistreich" Artikel Liborius Magazin vom 18.09.2011

Dario Pizzano ist Theologe, Buchautor und Bildungsreferent. Er arbeitet in der Erwachsenenbildung und als Diözesanreferent von missio im Bistum Erfurt. Was sich nach einer gut katholischen Karriere anhört, nach einer langen, tiefen Verwurzelung in der Kirche, hat aber eine bewegte Vergangenheit. 


Und das beschreibt die zwei Leben des 36-Jährigen eher vorsichtig. Bis er 31 Jahre alt war, betäubte er nämlich sein Dasein mit Alkohol, mit Drogen, ließ nichts aus. Pizzano war ein Playboy, sein Alltag kreiste um Sex, Partys, um das wilde Geschäft des Eventmanagements. Ein Zampano auf den verschiedensten Bühnen, einer, der mit Kirche gemeinhin nicht viel am Hut hat. 

Aber dann, am 25. November 2005 begegnete ihm Gott und danach brach er radikal mit seinem bisherigen Leben. „Meine Existenz war selbstzerstörerisch“, erzählt er, „ich war immer auf der Suche nach Liebe, fand sie aber nie. Bis ich sie bei Gott entdeckt habe.“ Dario Pizzano schrieb seine Geschichte aus therapeutischen Gründen auf und aus dem Report wurde ein Buch (Exzess. Meine zwei Leben. Pattloch, 16,99 Euro). 

Darin erzählt er, wie er im Eichsfeld aufgewachsen ist, die Mutter Deutsche, der Vater Italiener, berichtet von seiner jugendlichen Wildheit, der Egozentrik als Erwachsener, dem Gotteserlebnis. „Exzess ist keine nette Hallo-Mister-Gott-Plauderei“, rezensiert damals die „Tagespost“, „sondern das schonungslose Bekenntnis eines Mannes, der bis zum Exzess gelebt hat - und plötzlich eine zweite Chance bekommen hat.“ 

November 2005. Pizzano sitzt im Auto und ist bereit, alles loszulassen. Das Lenkrad, sein Leben, alles. Warum er in dieser Situation plötzlich sagt „Mein Gott, ich kann nicht mehr“, kann er bis heute nicht so richtig erklären. Er fühlt jedenfalls, dass jemand seine Worte hört, er prallt zurück, ist wie geschlagen, sein Geist, seine Seele wird berührt. Schreibt er. „Werde ich verrückt?“, fragt er sich. Aber da ist diese unbändige Liebe, die ihn durchdringt, er empfindet unendliche Kraft und Sanftmut, hält das Auto an, steigt aus, öffnet die Tür, schöpft frische Luft.

„Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.“ Dario Pizzano mag diese Stelle. „Weil Jesus in dem Gleichnis all jene provoziert, die glauben, alles von Gott zu wissen“, sagt er. „Jene, die sich vor Gott als gerecht sehen.“ Genau diesen aber spreche er in einer Radikalität das Recht ab, in das Reich Gottes einzutreten. 

Nicht diejenigen, die auf alles eine Antwort haben, nicht die, die fromm daherreden, nicht die, die den Nächsten in seiner Not mal eben übersehen kommen in das Reich Gottes. „Nein, dann schon eher die Zöllner, Dirnen und Sünder. Leute, die um ihre Schuld, ihre Not und krumme Biographie wissen.“ Leute wie er. Menschen, die tief in ihrem Inneren spüren, dass sie nicht in der richtigen Ordnung leben, in sich keinen Frieden verspüren. 

Tatsächlich kenne er jede Menge Menschen, die gegen die Wahrheit leben würden, denen völlig bewusst sei, dass sie etwas vermissen, dass ihnen etwas Wesentliches fehlt. „Doch gerade diesen sagt Jesus in dem Evangelium, dass er sie liebt, dass sie bei ihm ankommen.“ Denn wer ihm in seiner Not begegne, sehe sich mit einem Mal selbst in völlig neuem Licht.

Wer sich mit Dario Pizzano unterhält, spürt in jedem Satz, in jedem Wort, dass er von der Existenz Gottes felsenfest überzeugt ist. „Ich kann tatsächlich mit ihm sprechen wie mit einem Vater“, erzählt er. „Es besteht eine tiefe, innige Freundschaft mit Jesus Christus.“ Das sei ein Wunder, keine Frage, und er wisse nun, warum er früher beinahe an innerer Einsamkeit implodiert wäre, als er Gott noch nicht kannte.

„In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohenpriester und den Ältesten des Volkes: Was meint ihr?“, lässt der Evangelist Jesus fragen. Pizzanos frühere Freunde hielten ihn nach seiner Wandlung für verrückt und meinten: „Jetzt macht er mal einen auf heiligen Franziskus vom Eichsfeld. Danach vielleicht noch mal ins Dschungelcamp!“ Einige haben ihn kopfschüttelnd verlassen, doch die meisten erkannten, dass er es ernst meint. Spätestens nachdem er sich firmen ließ und begann, Theologie zu studieren, als er nichts mehr von dem wissen wollte, was ihn früher antrieb. „Heute lacht von denen keiner mehr, manche sind sogar selber Christen geworden“, sagt er.


Wer sich wirklich zu Gott bekenne, dem Gott, der für ihn die Liebe ist, könne gar nicht anders, als alles stehen und liegen zu lassen und zu ihm umzukehren. „Wer zu Gott Ja sagt, sagt zur Sünde Nein“, ist er überzeugt. Aber: „Klar ist auch, dass Jesus das Verhalten der Zöllner und Dirnen nicht gut heißt, zumal er sagt ,Geh und sündige von nun an nicht mehr‘. Doch er verurteilt niemanden, der aufrichtig und mit zerknirschtem Herzen vor ihm steht.“ 

„Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg“, steht im Evangelium. Und weiter: „Er antwortete: Ja, Herr! ging aber nicht. Da wandte er sich an den zweiten Sohn und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn, und er ging doch.“ 

Jesus hält nichts von Opportunismus, schon gar nicht von der frommen Sorte. Jene, die oft medienwirksam „zu ihren Fehlern stehen“, daraus aber - anders als etwa Dario Pizzano -  keine Konsequenzen ziehen. Jesus möchte gerade nicht, dass wir bei unseren Schwachheiten stehen bleiben. Und so interessiert ihn an den Zöllnern und den Huren und all den vielen Pizzanos dieser Welt, allen Menschen, nicht die Größe und Offensichtlichkeit ihrer Unmoral, sondern die Bereitschaft zur Wende. Insofern ist dieses Gleichnis im Matthäus-Evangelium die dringende Bitte des Jesus von Nazareth, mit ihm Gott und seine Barmherzigkeit ins Spiel kommen zu lassen, und zwar dort, wo wir gerade stehen im Leben. 

„Denn Johannes ist gekommen, um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen, und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen, und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt“, schreibt der Evangelist. Heißt das, dass es nicht so wichtig ist, was man sagt, sondern dass am Schluss nur zählt, was man tut? Denken und handeln aber nicht gerade so die Hohenpriester und die Pharisäer, die ja auch genau wussten, dass sie das Richtige tun? Oder tun sie, wie Jesus meint, für das Richtige das Falsche? Es kommt also auf die Haltung an, bei der das zählt, was man tatsächlich tut. Was mit Reue zu tun hat („Später aber reute es ihn, und er ging doch“). 

„Ich finde es wichtig zu erkennen, dass die Entscheidung für ein Leben mit Gott nicht nur eitel Sonnenschein ist, sondern eine Begegnung mit der Wahrheit“, sagt Dario Pizzano. „Das ist mehr als nur ein Wohlfühlgott. Die Wahrheit kann auch mal weh tun. In meiner schwierigsten Zeit hat Gott mir vor Augen geführt, dass ich seine Vergebung nicht nur anzunehmen habe, sondern dass ich sie auch weitergeben muss.“ Er habe ihm deutlich gemacht gemacht, wie er sich schuldig an anderen Menschen gemacht habe, was einen wesentlichen Teil zu seiner späteren Berufung beitrug. 

Heute ist für den dreifachen Vater das Wichtigste die Kommunikation und das Vertrauen. Weil man einfach viel zu wenig miteinander rede, auch zu wenig über Gott. „Je mehr er aber aus unserem Leben verschwindet, desto weniger verstehen und lieben wir uns. Einer seiner Lieblingssätze ist der von Romano Guardini: „Den Menschen erkennt nur wer von Gott weiß.“ Als er ihn vor einigen Jahren zum ersten Mal gehört habe, sei er sehr berührt gewesen von diesen Worten. Weil auch er viele Jahrzehnte ohne das Wissen um Gott gelebt habe, durch eine Welt irrte, die ihn mit ihren Verlockungen und falschen Versprechen in Gefangenschaft nahm. 

„Auch für mich gilt: Erst als ich Gott erkannte, wurde ich Mensch“, sagt er. „Mir wurden neue Augen geschenkt. Ich sah die Welt und die Menschen erstmalig als das an, was sie wirklich sind: Wunder. Geschöpfe und Schöpfung eines Liebenden. Ich durfte mich, wie die Zöllner und die Dirnen, als geliebtes Kind Gottes erfahren.“ 

Im Internet veröffentlicht der Theologe auf dariopizzano.blogspot.com regelmäßig Beiträge über seinen Alltag und seine Erfahrungen mit Christus. Zum Papstbesuch in Deutschland schreibt er dort dieser Tage: „Der Satz von Benedikt XVI. ,Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt‘, höre ich immer wieder in meinen Ohren, wenn ich heute, im Licht des Glaubens erkennen darf, wie sehr Gott auch heute noch, auf unterschiedlichste Weise, Menschen an sich zieht.“ 

Dipl. Journalist Peter Hummel

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