"Geistreich" Artikel Liborius Magazin vom 18.09.2011
Dario
Pizzano ist Theologe, Buchautor und Bildungsreferent. Er arbeitet in
der Erwachsenenbildung und als Diözesanreferent von missio im Bistum
Erfurt. Was sich nach einer gut katholischen Karriere anhört, nach einer
langen, tiefen Verwurzelung in der Kirche, hat aber eine bewegte
Vergangenheit.
Und das beschreibt die zwei Leben des 36-Jährigen eher
vorsichtig. Bis er 31 Jahre alt war, betäubte er nämlich sein Dasein mit
Alkohol, mit Drogen, ließ nichts aus. Pizzano war ein Playboy, sein
Alltag kreiste um Sex, Partys, um das wilde Geschäft des
Eventmanagements. Ein Zampano auf den verschiedensten Bühnen, einer, der
mit Kirche gemeinhin nicht viel am Hut hat.
Aber dann, am 25. November
2005 begegnete ihm Gott und danach brach er radikal mit seinem
bisherigen Leben. „Meine Existenz war selbstzerstörerisch“, erzählt er,
„ich war immer auf der Suche nach Liebe, fand sie aber nie. Bis ich sie
bei Gott entdeckt habe.“ Dario Pizzano schrieb seine Geschichte aus
therapeutischen Gründen auf und aus dem Report wurde ein Buch (Exzess. Meine zwei Leben. Pattloch, 16,99 Euro).
Darin erzählt er, wie er im Eichsfeld aufgewachsen ist, die Mutter Deutsche, der Vater
Italiener, berichtet von seiner jugendlichen Wildheit, der Egozentrik
als Erwachsener, dem Gotteserlebnis. „Exzess ist keine nette
Hallo-Mister-Gott-Plauderei“, rezensiert damals die „Tagespost“,
„sondern das schonungslose Bekenntnis eines Mannes, der bis zum Exzess
gelebt hat - und plötzlich eine zweite Chance bekommen hat.“
November
2005. Pizzano sitzt im Auto und ist bereit, alles loszulassen. Das
Lenkrad, sein Leben, alles. Warum er in dieser Situation plötzlich sagt
„Mein Gott, ich kann nicht mehr“, kann er bis heute nicht so richtig
erklären. Er fühlt jedenfalls, dass jemand seine Worte hört, er prallt
zurück, ist wie geschlagen, sein Geist, seine Seele wird berührt.
Schreibt er. „Werde ich verrückt?“, fragt er sich. Aber da ist diese
unbändige Liebe, die ihn durchdringt, er empfindet unendliche Kraft und
Sanftmut, hält das Auto an, steigt aus, öffnet die Tür, schöpft frische
Luft.
„Da
sagte Jesus zu ihnen: Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen
gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.“ Dario Pizzano mag diese
Stelle. „Weil Jesus in dem Gleichnis all jene provoziert, die glauben,
alles von Gott zu wissen“, sagt er. „Jene, die sich vor Gott als gerecht
sehen.“ Genau diesen aber spreche er in einer Radikalität das Recht ab,
in das Reich Gottes einzutreten.
Nicht diejenigen, die auf alles eine
Antwort haben, nicht die, die fromm daherreden, nicht die, die den
Nächsten in seiner Not mal eben übersehen kommen in das Reich Gottes.
„Nein, dann schon eher die Zöllner, Dirnen und Sünder. Leute, die um
ihre Schuld, ihre Not und krumme Biographie wissen.“ Leute wie er.
Menschen, die tief in ihrem Inneren spüren, dass sie nicht in der
richtigen Ordnung leben, in sich keinen Frieden verspüren.
Tatsächlich
kenne er jede Menge Menschen, die gegen die Wahrheit leben würden, denen
völlig bewusst sei, dass sie etwas vermissen, dass ihnen etwas
Wesentliches fehlt. „Doch gerade diesen sagt Jesus in dem Evangelium,
dass er sie liebt, dass sie bei ihm ankommen.“ Denn wer ihm in seiner
Not begegne, sehe sich mit einem Mal selbst in völlig neuem Licht.
Wer
sich mit Dario Pizzano unterhält, spürt in jedem Satz, in jedem Wort,
dass er von der Existenz Gottes felsenfest überzeugt ist. „Ich kann
tatsächlich mit ihm sprechen wie mit einem Vater“, erzählt er. „Es
besteht eine tiefe, innige Freundschaft mit Jesus Christus.“ Das sei ein
Wunder, keine Frage, und er wisse nun, warum er früher beinahe an
innerer Einsamkeit implodiert wäre, als er Gott noch nicht kannte.
„In
jener Zeit sprach Jesus zu den Hohenpriester und den Ältesten des
Volkes: Was meint ihr?“, lässt der Evangelist Jesus fragen. Pizzanos
frühere Freunde hielten ihn nach seiner Wandlung für verrückt und
meinten: „Jetzt macht er mal einen auf heiligen Franziskus vom
Eichsfeld. Danach vielleicht noch mal ins Dschungelcamp!“ Einige haben
ihn kopfschüttelnd verlassen, doch die meisten erkannten, dass er es
ernst meint. Spätestens nachdem er sich firmen ließ und begann,
Theologie zu studieren, als er nichts mehr von dem wissen wollte, was
ihn früher antrieb. „Heute lacht von denen keiner mehr, manche sind
sogar selber Christen geworden“, sagt er.
Wer
sich wirklich zu Gott bekenne, dem Gott, der für ihn die Liebe ist,
könne gar nicht anders, als alles stehen und liegen zu lassen und zu ihm
umzukehren. „Wer zu Gott Ja sagt, sagt zur Sünde Nein“, ist er
überzeugt. Aber: „Klar ist auch, dass Jesus das Verhalten der Zöllner
und Dirnen nicht gut heißt, zumal er sagt ,Geh und sündige von nun an
nicht mehr‘. Doch er verurteilt niemanden, der aufrichtig und mit
zerknirschtem Herzen vor ihm steht.“
„Ein
Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Sohn, geh und
arbeite heute im Weinberg“, steht im Evangelium. Und weiter: „Er
antwortete: Ja, Herr! ging aber nicht. Da wandte er sich an den zweiten
Sohn und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ich will nicht.
Später aber reute es ihn, und er ging doch.“
Jesus hält nichts von
Opportunismus, schon gar nicht von der frommen Sorte. Jene, die oft
medienwirksam „zu ihren Fehlern stehen“, daraus aber - anders als etwa
Dario Pizzano - keine Konsequenzen ziehen. Jesus möchte gerade nicht,
dass wir bei unseren Schwachheiten stehen bleiben. Und so interessiert
ihn an den Zöllnern und den Huren und all den vielen Pizzanos dieser
Welt, allen Menschen, nicht die Größe und Offensichtlichkeit ihrer
Unmoral, sondern die Bereitschaft zur Wende. Insofern ist dieses
Gleichnis im Matthäus-Evangelium die dringende Bitte des Jesus von
Nazareth, mit ihm Gott und seine Barmherzigkeit ins Spiel kommen zu
lassen, und zwar dort, wo wir gerade stehen im Leben.
„Denn
Johannes ist gekommen, um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen, und
ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm
geglaubt. Ihr habt es gesehen, und doch habt ihr nicht bereut und ihm
nicht geglaubt“, schreibt der Evangelist. Heißt das, dass es nicht so
wichtig ist, was man sagt, sondern dass am Schluss nur zählt, was man
tut? Denken und handeln aber nicht gerade so die Hohenpriester und die
Pharisäer, die ja auch genau wussten, dass sie das Richtige tun? Oder
tun sie, wie Jesus meint, für das Richtige das Falsche? Es kommt also
auf die Haltung an, bei der das zählt, was man tatsächlich tut. Was mit
Reue zu tun hat („Später aber reute es ihn, und er ging doch“).
„Ich
finde es wichtig zu erkennen, dass die Entscheidung für ein Leben mit
Gott nicht nur eitel Sonnenschein ist, sondern eine Begegnung mit der
Wahrheit“, sagt Dario Pizzano. „Das ist mehr als nur ein Wohlfühlgott.
Die Wahrheit kann auch mal weh tun. In meiner schwierigsten Zeit hat
Gott mir vor Augen geführt, dass ich seine Vergebung nicht nur
anzunehmen habe, sondern dass ich sie auch weitergeben muss.“ Er habe
ihm deutlich gemacht gemacht, wie er sich schuldig an anderen Menschen
gemacht habe, was einen wesentlichen Teil zu seiner späteren Berufung
beitrug.
Heute
ist für den dreifachen Vater das Wichtigste die Kommunikation und das
Vertrauen. Weil man einfach viel zu wenig miteinander rede, auch zu
wenig über Gott. „Je mehr er aber aus unserem Leben verschwindet, desto
weniger verstehen und lieben wir uns. Einer seiner Lieblingssätze ist
der von Romano Guardini: „Den Menschen erkennt nur wer von Gott weiß.“
Als er ihn vor einigen Jahren zum ersten Mal gehört habe, sei er sehr
berührt gewesen von diesen Worten. Weil auch er viele Jahrzehnte ohne
das Wissen um Gott gelebt habe, durch eine Welt irrte, die ihn mit ihren
Verlockungen und falschen Versprechen in Gefangenschaft nahm.
„Auch für
mich gilt: Erst als ich Gott erkannte, wurde ich Mensch“, sagt er. „Mir
wurden neue Augen geschenkt. Ich sah die Welt und die Menschen
erstmalig als das an, was sie wirklich sind: Wunder. Geschöpfe und
Schöpfung eines Liebenden. Ich durfte mich, wie die Zöllner und die
Dirnen, als geliebtes Kind Gottes erfahren.“
Im Internet veröffentlicht der Theologe auf dariopizzano.blogspot.com
regelmäßig Beiträge über seinen Alltag und seine Erfahrungen mit
Christus. Zum Papstbesuch in Deutschland schreibt er dort dieser Tage:
„Der Satz von Benedikt XVI. ,Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es
Menschen gibt‘, höre ich immer wieder in meinen Ohren, wenn ich heute,
im Licht des Glaubens erkennen darf, wie sehr Gott auch heute noch, auf
unterschiedlichste Weise, Menschen an sich zieht.“
Dipl. Journalist Peter Hummel